Komposition?! – Theorie


Der Fotograf macht das Bild, er bestimmt. Klingt irgendwie logisch und ist die eigentliche Kunst bei dem, was wir tun. Wer im Bereich Konzertfotografie glaubt, das sei anders und wild reinholzt, wird schnell in eine Schaffenskrise geraten. In der Hektik des Geschehens auf der Bühne zu mehr als einem Schnappschuss zu kommen – oder es zumindest zu versuchen – ist es, was letztlich den Unterschied zwischen „Knipser“ und Fotografen ausmacht.

Ich behaupte weder, dass das einfach ist, noch dass ich diese Kunst gemeistert hätte, manchmal jedoch schaffe ich es und ich kenne einige Kollegen, die es da zur Meisterschaft gebracht haben – vor deren Arbeit erstarre ich regelmäßig in Ehrfurcht. (Jap, das schreibe ich öfter und ich meine es genau so!) Wenn man nicht mehr mit den Einstellungen seines Werkzeugs kämpft, kann man daran gehen, sich Gedanken um den Bildaufbau zu machen – ein paar Gedanken dazu habe ich ja in dem Artikel schon geäußert.

Das soll jetzt ein wenig vertieft werden. Zunächst einmal mehr eine Klarstellung: Zum einen erhebe ich niemals den Anspruch, die reine Lehre und absolute Wahrheit zu vertreten (außer es geht um Sony), zum anderen ist es mit den „Regeln“, die hier gleich angesprochen werden so, dass das Wort „Regel“ in deutlichen Anführungszeichen steht. Es ist das kurze, griffige Wort für etwas, das man kennen muss und einem hilft, seine Bilder gefälliger zu gestalten. Man muss sich aber auch bewusst sein, dass diese Regeln auch dazu da sind, im passenden Fall komplett ignoriert zu werden!

Genug der Vorrede.

Im Fotograben stehen uns, anders als bei der klassischen Bildkomposition, einige Gestaltungsmöglichkeiten nicht frei zur Verfügung. Das Motiv bestimmen wir nur insofern, als dass wir ein bestimmtes Event fotografieren. Der Lichtmeister bestimmt die Farben im Bild und auf das Bühnenbild haben wir auch keinen Einfluss. Was uns also bleibt ist, mit dem Bildaufbau, der Schärfe und der Perspektive zu arbeiten. In der Hektik des Bühnengeschehens sind das auch wahrlich genug Dinge, die man im Auge behalten muss.

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20131220-220339-JUZ Allstars (Fotograf Jan Reif)

Für den Anfang: näher ran! (oder weiter weg)

Schaut Euch einfach mal ein paar „spontane“ Fotos genauer an. Ihr werdet Andreas Feininger Recht geben: Auf den meisten Bildern ist zu viel drauf. Eine Nahaufnahme oder Portrait – gerade im Konzertbereich – lässt sich oft entscheidend verbessern, indem man „näher ran“ geht, also ein wenig stärker zoomt. Habt dabei keine Angst vor Beschneidungen – geschickt eingesetzt, sieht das echt gut aus!

Manch einem Foto tut auch ein bisschen mehr leerer Raum gut. Wichtig für dieses ganz grundlegende Art der Komposition ist, mit „üblichen“ Sehgewohnheiten (oder den „Knipserreflexen“) ein wenig zu brechen. Einfache Regel: wenn Ihr Euren Ausschnitt gewählt habt, zoomt ein wenig ran oder ein deutliches Stück raus, dann wird’s besser. Meistens.

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Nächster Schritt: weg von der Mitte!

Es scheint sehr verlockend, das mittlere Messfeld zu nutzen – auch bei den kleinen Modellen ist das ein Kreuzsensor, es passt eigentlich immer irgendwie und das Foto ist dann auch schön in der Mitte. Wenn Ihr nicht bewusst ein Bild zentriert aufbaut (dazu später was), werden solche Fotos in der Regel langweilig. Eine der einfachsten Regeln ist die Drittelregel: Rückt das Motiv aus der Mitte so an den Rand, dass es etwa 1/3 der Bildbreite vom Rand entfernt ist – so bekommt ihr eine interessantere, dynamischer wirkende Bildaufteilung. (Die Sache mit dem Drittel ist eine grobe Annäherung an den goldenen Schnitt.)

Es gibt eine Vielzahl anderer Möglichkeiten, sein Foto abseits eines mittigen Aufbaus zu gestalten, die Fibonacci Spirale ist nur eine von vielen denkbaren Varianten. Es läuft alles darauf hinaus, dass die bewusste Wahl der Bildaufteilung interessantere, aussagekräftigere Fotos ermöglicht. Es spricht nichts dagegen, ein Bild wohl überlegt zentriert aufzubauen – im Gegenteil! Es aber erst mal mit der Drittelregel zu versuchen wird in den meisten Fällen jedoch kein Fehler sein.

2008-12-06 - X-Mas Hexentanz - Ottweiler (Jan Reif) - 220145 (1)

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Farben, Lichter, Linien, Blickrichtung und Rahmen

Nur weil wir keinen Einfluss auf die Lichtfarben, die Spots, die Posen oder die Bühne an sich haben, heisst das nicht, dass wir uns das was da ist, nicht zunutze machen können. Führungslinien, die den Blick des Betrachters lenken, Rahmen, die ein Motiv betonen und Farbkontraste sind starke Methoden der Bildgestaltung. Um ein paar Beispiele zu nennen: Spots, die auf einen Künstler zielen (Führungslinien), der Gitarrenhals (Führungslinie), Mikrofonständer, Armhaltung etc. (alles Linien), der angeleuchtete Künstler um den herum es dunkel ist (Rahmen), der Drummer zwischen den Becken (Rahmen), auch die Blickrichtung des Künstlers kann genutzt werden… wenn man ein Auge dafür entwickelt, findet man auf der Bühne jede Menge tolle Dinge, die man in seine Bilder einbauen kann.

Die Kunst in unserem Bereich der Fotografie ist nun, die eventuell recht kurzen Momente, in denen da vorne alles passt, zu erkennen und zu nutzen. Anfänglich ist das eine bewusste Anstrengung, mit der Zeit spürt man solche Gelegenheiten.

20111229-231148-Ewige Nacht - Losheim
2009-01-08 - Kool Savas - Garage SB (Jan Reif, SAARSTAR.NET) - 203240
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Dunkelheit

Das Grundproblem in unserem Metier ist der eklatante Mangel an Licht. Oder die unausgewogene Lichtverteilung. Aus dieser Herausforderung kann man auch einen Vorteil und so das ein oder andere interessante Bild machen. Gegen „einfaches“ zu dunkel hilft eine gute schwarz/weiss-Umsetzung. Aber warum sollte man da aufhören?

Ein Schattenriss ist toll! Und hat zudem noch den charmanten Vorteil, dass man da meist mit den Einstellungen (ISO, Belichtungszeit) auf der sicheren Seite ist.

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Interaktion, Schärfe, Hintergrund und Momente

Einzelne Künstler herauszupicken macht die Bildgestaltung einfacher. Die Momente, in denen die Künstler miteinander interagieren oder auch nur „irgendwie“ nah genug beieinander stehen, gilt es (auch) zu nutzen. Das Licht zwingt uns, vorwiegend offenblendig zu arbeiten, was den Vorteil hat, dass das Hauptmotiv durch Unschärfe freigestellt wird. Versucht Euch dran, die Ergebnisse sind meist sehr interessant!

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Interaktion richtig zu treffen finde ich nach wie vor schwierig. Es reicht nicht, den Moment zu erwischen, man muss auch das Glück (oder die Fähigkeit) haben, in einer guten Position für das Foto zu sein. Das ist mit mehreren Personen, die aufs Bild sollen, ungleich schwieriger als eine Einzelaufnahme. Erschwerend hinzu kommt, dass Abstände auf Fotos immer größer wirken als im echten Leben. Üben!

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Richtig nette Künstler werden sich nicht zu schade sein, mit uns Grabenvolk zu spielen und manchmal sogar für eine Kamera posieren. Wenn das passiert, seid vorbereitet! Nutzt die Chance!

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Schärfe II, Details, Brennweite

Oft führt kein Weg an einer weit offenen Blende vorbei. Die geringe Tiefenschärfe (oder Schärfentiefe, jeder wie er mag) lässt sich hervorragend als Stilmittel verwenden. Im einfachsten Fall setzt Ihr den Fokus eben nicht auf das Gesicht des Künstlers. (Nur fürs Protokoll: es sollte schon erkennbar sein, worauf Ihr fokussiert habt…)

Es lohnt sich auch, sich an pars pro toto Fotos zu versuchen. Gerade in Verbindung mit einem Schärfeverlauf ergibt das sehr stimmungsvolle Aufnahmen.

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20130123-223525-Musical Night

Hat man ein Weitwinkelobjektiv dabei, kann man sich die perspektivische Effekte, die solche Objektive technisch bedingt liefern, zunutze machen. So unhöflich so etwas bei normalen Portraits auch wirkt, bewusst eingesetzt und mit geschickt gesetztem Fokus erhält man einen sehr dynamischen Look.

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Bei all diesen Techniken ist es wichtig, sie bewusst und gezielt einzusetzen und misslungene Versuche (und davon wird es mehr als genug geben!) konsequent auszusortieren. Der Abstand zwischen „gut“ und „für die Tonne“ ist winzig – und wer will sich schon mit „unscharfen“ Bildern blamieren?!

Perspektive

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Bewegt Euch! Reagiert auf das Geschehen auf der Bühne. Geht auf die Knie, stellt Euch (kurz!) auf eines der Podeste der Wellenbrecher. Kurz: versucht, eine interessante Perspektive zu finden. Manchmal(!) lohnt sich das. Übertreibt es nicht.

Ein, zwei Bilder pro Veranstaltung aus einer ungewöhnlichen Perspektive sind genug. Bedenkt, dass solche Aufnahmen oft das Gesicht des Künstlers verdecken oder sonst irgendwie „seltsam“ sind.

Glück erzwingen

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Das Glück ist mit den Tüchtigen! Es werden sich immer mal wieder Gelegenheiten ergeben eine außergewöhnliche Situation zu fotografieren. Mit genug Erfahrung werdet Ihr solche Situationen kommen sehen und nutzen können. Es braucht ein gewisses Maß an Flexibilität um im Fall der Fälle schnell genug reagieren zu können. Je besser Ihr Euer Werkzeug beherrscht, desto höher sind Eure Chancen, einen „Treffer“ zu landen!

Unsitte: Dutch Tilt

2008-08-30 Summers End Andernach - 210050

Ein beliebtes Stilmittel der Konzertfotografie ist der Dutch Tilt. Platt beschrieben ist das der Versuch, ein triviales Foto durch das Schräghalten der Kamera interessanter zu gestalten. Bewusst eingesetzt (das schreibe ich in diesem Artikel wirklich oft!) ist das eine gute Möglichkeit, die Bildwirkung zu verstärken; z.B. um Führungslinien zu erzeugen oder zu betonen.

Anfänger erliegen jedoch gerne der Versuchung, dieses Stilmittel überzustrapazieren. Was dabei rauskommt sind meist einfach nur jede Menge schiefer Fotos.

Mikrofone: aus unerfindlichen Gründen stehen auf Bühnen verdammt viele Mikrofone herum und die Künstler verstecken auch ihr Gesicht gerne dahinter. Das liegt in der Natur solcher Veranstaltung und ist eine Sache, mit der unsereins klar kommen muss. Gerade für Einsteiger scheint die Versuchung, einen Künstler frontal und mit möglichst viel Mikrofon vor dem Gesicht aufzunehmen, unwiderstehlich. Das sieht nicht gut aus.

Eine platte Frontalaufnahme ist eher selten eine gute Idee, und sie wird durch ein Mikrofon direkt vor dem Model auch nicht besser. Wartet auf einen geeigneten Moment. Varriert die Perspektive.

Üben!

Die Gestaltungsmittel, die wir zur Verfügung haben, sind ohne Zahl. Jedes einzelne davon hilft, die Fotos besser zu machen. Jedes einzelne davon kann, wenn es überstrapaziert wird, die Fotos schlechter machen. Wenn ich hier dauernd davon spreche, ein Stilmittel „bewusst“ einzusetzen, geht es genau darum, um das richtige Maß. Es geht auch darum, die Möglichkeiten zu kennen und dann einzusetzen, wenn sie passen. In der Hektik des Grabengeschehens wir man selten die Zeit finden, einen Bildaufbau aufwändig zu durchdenken und durchzukomponieren, wenn man aber seine Gestaltungregeln verinnerlicht hat, wird man sie „aus dem Bauch heraus“ einsetzen können. Das funktioniert nur, wenn man übt und seine Arbeit immer wieder kritisch beurteilt.

Nehmt Euch ab und zu die Zeit und schaut Eure alten Fotos an. Schaut Euch auch die Bilder der Kollegen an! Schaut was die anderen aus dieser oder jener Situation gemacht haben. Lernt daraus.

tl;dr

  • Lest den Text!

Literaturempfehlungen

Zum Thema Bildgestaltung gibt es massenhaft Lesestoff. Wirklich gute Literatur speziell zu Thema Konzertfotografie ist mir noch nicht begegnet, dafür lohnt sich die Lektüre anderer, nicht ganz so spezialisierter Bücher und Internetseiten.